Bildungsbenachteiligung von Schüler:innen in DaZ-Klassen. Eine qualitative Studie in Gemeinschaftsschulen in Schleswig-Holstein

  • Bildung & Inklusion
Illustration zu Bildungsbenachteiligung in DaZ-Klassen

Einleitung: Bildung als Schlüssel – aber nicht für alle gleich zugänglich

Bildung gilt als einer der wichtigsten Faktoren für gesellschaftliche Teilhabe und Integration. Dennoch zeigen aktuelle Entwicklungen, dass insbesondere Schüler:innen mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem weiterhin benachteiligt sind. Bereits statistische Erhebungen verdeutlichen erhebliche Unterschiede: Während nur ein kleiner Teil der Menschen ohne Migrationshintergrund keinen Schulabschluss erreicht, ist dieser Anteil bei Menschen mit Migrationsgeschichte deutlich höher.

Diese Ungleichheit ist nicht allein auf individuelle Voraussetzungen zurückzuführen, sondern vielmehr Ausdruck struktureller Bedingungen innerhalb des Bildungssystems. Ein zentraler Bestandteil dieser Strukturen sind sogenannte DaZ-Klassen („Deutsch als Zweitsprache"), die ursprünglich dazu dienen, sprachliche Defizite auszugleichen und eine Integration in das Regelschulsystem zu erleichtern.

Doch genau hier setzt die kritische Frage an: Fördern DaZ-Klassen tatsächlich Integration – oder tragen sie zur Reproduktion von Bildungsungleichheit bei?

Das System der DaZ-Klassen: Struktur und Zielsetzung

DaZ-Klassen sind darauf ausgelegt, neu zugewanderten Kindern zunächst intensive Sprachförderung zu bieten. In der sogenannten Basisstufe liegt der Fokus stark auf dem Erwerb der deutschen Sprache, oft mit einem erheblich reduzierten Anteil an fachlichem Unterricht.

Erst im weiteren Verlauf – in der Aufbau- und Integrationsstufe – erfolgt eine schrittweise Eingliederung in den Regelunterricht. Dieses mehrstufige Modell soll sicherstellen, dass Schüler:innen sprachlich ausreichend vorbereitet sind, bevor sie den Anforderungen einer Regelklasse begegnen.

Auf den ersten Blick erscheint dieses Konzept sinnvoll: Kinder sollen nicht überfordert werden, sondern in einem geschützten Rahmen lernen.

Doch die Praxis zeigt ein differenzierteres Bild.

Zwischen Schutzraum und Isolation

Ein zentrales Ergebnis der qualitativen Untersuchung ist die ambivalente Wirkung von DaZ-Klassen. Einerseits bieten sie einen geschützten Raum, in dem Schüler:innen ohne direkten Leistungsdruck ankommen und die Sprache erlernen können. Andererseits besteht die Gefahr der sozialen Isolation.

Wenn Kinder überwiegend mit anderen Schüler:innen zusammen lernen, die ebenfalls noch nicht über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen, fehlen wichtige sprachliche und soziale Impulse. Sprache wird nicht nur im Unterricht gelernt, sondern vor allem im Alltag – im Austausch mit anderen Kindern, in Pausen, im gemeinsamen Spiel.

Gerade dieser Aspekt wird in der Praxis häufig kritisch gesehen: Frühe Kontakte zu deutschsprachigen Mitschüler:innen können entscheidend für eine erfolgreiche Integration sein.

Die Trennung in DaZ- und Regelklassen führt somit oft zu einem paradoxen Effekt: Integration soll vorbereitet werden – findet aber zunächst nicht statt.

Kinder und eine Betreuerin bei einem Bewegungsspiel mit Schwimmnudeln im Gruppenraum

Ungleiche Ausgangsbedingungen: Mehr als nur Sprache

Die Herausforderungen gehen jedoch weit über sprachliche Aspekte hinaus. Viele der betroffenen Schüler:innen bringen komplexe Lebensrealitäten mit:

  • unterbrochene Bildungsbiografien
  • Fluchterfahrungen
  • fehlende schulische Vorerfahrungen
  • unterschiedliche Bildungshintergründe der Eltern

Diese Faktoren wirken sich erheblich auf den schulischen Erfolg aus. So zeigt sich, dass Bildungsbenachteiligung häufig das Ergebnis eines Zusammenspiels mehrerer struktureller und individueller Bedingungen ist.

Das bedeutet: Selbst ein gut konzipiertes Sprachfördermodell kann diese Ungleichheiten nicht vollständig ausgleichen.

Die Rolle der Schule: Zwischen Anspruch und Realität

Schulen stehen vor der Herausforderung, diesen komplexen Anforderungen gerecht zu werden – häufig unter schwierigen Rahmenbedingungen.

Ein zentrales Problem ist der Fachkräftemangel. Lehrkräfte ohne spezifische Ausbildung im Bereich DaZ oder interkulturelle Pädagogik müssen zunehmend Aufgaben übernehmen, für die sie nicht ausreichend qualifiziert sind. Gleichzeitig fehlt es oft an Ressourcen für individuelle Förderung.

Hinzu kommt, dass die Umsetzung der Teilintegration – also die schrittweise Teilnahme am Regelunterricht – in der Praxis stark variiert. Während sie theoretisch ein zentraler Bestandteil des Modells ist, wird sie nicht überall konsequent umgesetzt.

Das führt dazu, dass Schüler:innen teilweise länger als vorgesehen in separaten Strukturen verbleiben – mit entsprechenden Folgen für ihre schulische und soziale Entwicklung.

Bewertungssysteme und ihre Folgen

Ein weiterer kritischer Punkt betrifft die Leistungsbewertung. In DaZ-Klassen erfolgt diese häufig auf Grundlage individueller Förderpläne, was grundsätzlich sinnvoll erscheint.

Problematisch wird es jedoch, wenn diese Bewertungen von Eltern missverstanden werden. Gute Noten innerhalb eines Förderrahmens werden oft mit den Leistungen in Regelklassen gleichgesetzt. Der Übergang in das reguläre System führt dann nicht selten zu einem „Realitätsschock", wenn die Leistungen plötzlich schlechter bewertet werden.

Diese Diskrepanz kann zu Frustration führen – sowohl bei Schüler:innen als auch bei ihren Familien.

Integration als gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Die Ergebnisse der Studie verdeutlichen, dass Bildung und Integration eng miteinander verknüpft sind. Schule kann dabei eine zentrale Rolle spielen – sie ist oft der erste Ort, an dem Kinder mit unterschiedlichen Hintergründen aufeinandertreffen.

Doch Integration kann nicht allein durch schulische Maßnahmen erreicht werden. Sie ist abhängig von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, Ressourcen und politischen Entscheidungen.

So zeigt sich beispielsweise, dass fehlende Unterstützungsangebote – etwa im Bereich Sprachkurse, Therapie oder soziale Beratung – die Arbeit der Schulen zusätzlich erschweren.

Kindergruppe schaut bei einem Ausflug über einen Holzzaun auf ein Tiergehege

Fazit: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Die Untersuchung macht deutlich, dass DaZ-Klassen sowohl Chancen als auch Risiken bergen.

Chancen:

  • gezielte Sprachförderung
  • geschützter Einstieg ins Bildungssystem
  • individuelle Unterstützung

Risiken:

  • soziale Isolation
  • verzögerte Integration
  • ungleiche Bildungschancen

Die zentrale Herausforderung besteht darin, ein Gleichgewicht zwischen Förderung und Teilhabe zu schaffen.

Langfristig stellt sich daher nicht nur die Frage nach der Optimierung bestehender Modelle, sondern auch nach grundsätzlichen Alternativen: Wie kann ein Bildungssystem gestaltet werden, das Vielfalt nicht als Herausforderung, sondern als Normalität begreift?


Quellenangabe: Oswald, Nora. Bildungsbenachteiligung von Schüler:innen in DaZ-Klassen. Eine qualitative Studie in Gemeinschaftsschulen in Schleswig-Holstein. Bachelorarbeit, Internationale Berufsakademie der F+U Unternehmensgruppe gGmbH, Hamburg, 2024.

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